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Interview Maki Namekawa – Ars Electronica Festival 2017 die 20 Klavieretüden von Philip Glass

 Du wirst beim Ars Electronica Festival 2017 die 20 Klavieretüden von Philip Glass spielen. Kannst du ein bisschen über die Stücke erzählen?

Maki Namekawa: Die 20 Klavieretüden von Philip Glass entstanden über einen Zeitraum von zwanzig Jahren. Nummer eins bis zehn wurden vor etwa zwanzig Jahren komponiert, die Etüden ab Nummer elf entstanden in den letzten zehn Jahren. Obwohl sich diese Arbeit über 20 Jahre spannt, hat Philip Glass nicht jedes Jahr eine neue Etüde komponiert. Er arbeitete eher in Blöcken. Auch die Reihenfolge, wie die Etüden gespielt werden, ist etwas anders als die der Entstehung. Die allerersten sechs wurden zum Beispiel für meinen Mann, Dennis Russell Davies, zu seinem 50. Geburtstag komponiert.

Gemeinsam mit Philip habe ich die 20 Klavieretüden schließlich in Australien beim Perth International Arts Festival uraufgeführt. Seitdem sind wir noch immer auf Tournee. Bis jetzt waren wir schon in über zehn Ländern – von Japan bis in die USA, in verschiedenen Ländern in Europa und auch in Mexiko. Nach dem Ars Electronica Festival 2017 im September fliegen wir zum Beispiel nach Brasilien. Philip Glass und ich teilen uns die Etüden auf und holen zusätzlich auch noch einen lokalen Pianist oder eine Pianistin dazu. Ab und zu spielen wir auch zu fünft, einmal sogar zu zehnt.

Beim Festival werden die Etüden auf zwei jeweils einstündige Blöcke aufgeteilt, die du ganz alleine spielst…

Maki Namekawa: Seit letztem Jahr spiele ich die Etüden auch alleine. 2015 nahm ich alle Etüden für eine CD auf, seitdem spiele ich sie auch ohne Philipp. Wenn ich allerdings alleine spiele, begleitet mich der Künstler Cori Olan mit Musikvisualisierungen in Echtzeit. Am Ars Electronica Festival vor zwei Jahren wählten wir fünf oder sechs der Etüden aus und führten sie zum ersten Mal mit Echtzeitvisualisierung auf.

Welche technischen Herausforderungen bieten die 20 Etüden?

Maki Namekawa: Als Philip Glass die Etüden komponiert hat, schrieb er die ersten zehn für seine eigene Klaviertechnik und gleichzeitig auch, um seine eigene Kompositionstechnik zu fördern. Er wusste, dass er nicht alle 20 alleine spielen wird – ab Nummer 11 sieht man dann also eine sehr wilde Klaviertechnik. Das ist kompositorisch wirklich sehr neuartig. Wenn man sich die Etüden eins bis zehn anhört, danach eine kurze Pause macht und wieder zum zweiten Teil zurückkommt, dann ist das plötzlich eine völlige andere Welt.

Wie ist es für dich als Pianistin, zu Echtzeitvisualisierungen zu spielen?

Maki Namekawa: Früher führte manchmal das Stück „Suite aus The Hours“ von Philip Glass mit Ballett auf. Damals konnte ich den Tanz nicht wirklich beobachten, ich war einfach zu konzentriert auf das Spielen. Mittlerweile kenne ich die Stücke sehr gut, ich habe eine Routine, also habe ich auch die Kapazität, mir die Visualisierungen anzusehen.

Als wir die Etüden dieses Jahr in New York aufführten, habe ich das zum Beispiel sehr genossen. Ich konnte an den Visualisierungen direkt beobachten, wie ich spiele. Es ist ein bisschen so wie Jazz – es entstehen sehr spontane Ideen. Was ich so schön finde an den Visualisierungen von Cori Olan ist, dass sie meine Fantasie beim Spielen entwickeln. Ich erkenne auf einmal ganz neue Perspektiven, die ich alleine vom Klavierspielen noch nicht entdeckt habe. Das ist wirklich wunderschön.

Du wirst die 20 Etüden in der Gleishalle im alten Postverteilzentrum in Linz aufführen. Was ist das Besondere an dieser Konzertlocation?

Maki Namekawa: Auf Österreichisch würde man sagen: es ist „narrisch“. Am Anfang dachten wir, wir würden die Etüden im Deep Space 8K aufführen. Der Deep Space ist ein sehr konzentrierter, schöner Raum, aber da wir die 20 Etüden in Österreich erstaufführen, wollten wir einen etwas größeren Ort, damit viele Leute die Musik auf einmal erleben können. Die Gleishalle ist sehr schlicht, mit viel Beton und einer gewissen Kühle. Dadurch hat man einen intimen Zugang zu dem Bildschirm und dem Klavier. Es spielt kein ganzes Orchester, sondern man hört wirklich nur einen Klavierton. Ich denke, es ist wirklich einzigartig, dass man in der Gleishalle dieses Dreieck zwischen Publikum, Visualisierung und einem einzelnen Klavier schafft. Auf der einen Seite können sehr viele Leute die Musik zusammen erleben, gleichzeitig kann man aber auch ausschalten und sich in seine eigene Welt zurückziehen. Besonders mit Philips Musik kommt man wirklich in eine Art Trance. Diesen Moment wollen wir schaffen.

Es ist eine Trance für dich, aber auch für das Publikum…

Maki Namekawa: Ja (lacht). Ich brauche als Pianistin natürlich gewisse Stützpunkte, aber für das Publikum kann das wirklich eine tiefe Trance sein. Deshalb dauert das Konzert auch zwei Stunden – man kann die Musik wirklich genießen, ganz eintauchen. Mein Wunsch ist es, dass die Leute anfangen, zuzuhören, und nach zwei Stunden ganz mittendrin in sich selbst sind. Mit dieser Musik und den Visualisierungen ist das möglich.

Es ist einzigartig, dass die 20 Etüden alle zusammen auf einmal gespielt werden.

Maki Namekawa: Ja. Auch die Reihenfolge ist organisch und natürlich. Wenn ich die Etüden zuhause spiele, denke ich vor dem Anfangen oft, dass ich vor einem Marathon stehe und gleich loslaufe. Aber die Stücke sind so organisch, so natürlich auch so angenehm, sondern wirklich wie eine Art Trance. Auch für das Publikum – man vergisst den Alltag. Die Reihenfolge der Etüden ist wirklich sehr schön geworden.

Du wirst beim Festival auch ein Stück im Deep Space 8K präsentieren, „Interludium A“ von Isang Yun. Was hat es damit auf sich?

Maki Namekawa: Isang Yun ist ein koreanischer Komponist, der dieses Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Als er jung war, studierte er in Japan, obwohl es zwischen Japan und Korea viele Reibungen und Spannungen gab. In seinen Arbeiten geht es darum, diese Krisen und Konflikte zu vergessen und einfach als Mensch zu stehen. Wegen seiner politischen Ansichten wurde er einmal sogar gekidnappt und verbrachte einige Zeit im Gefängnis. Lange Zeit wusste man nicht, ob er weiterleben würde oder nicht. Während seiner Haft komponierte er viele Stücke, die sehr politisch motiviert waren – es geht um die Freiheit von Korea, die Freiheit und auch Tiefe von Menschen ganz allgemein.

„Interludium A“ konzentriert sich auf den Ton A, der in der Mitte der Klaviertasten liegt, direkt am Bauchnabel. Davon ausgehend geht das Stück immer wieder nach oben, wie in den Himmel, und nach unten, in die Tiefe. Es ist eine einfache Bewegung, aber der Hintergedanke ist hier das Prinzip von Yin und Yang. Hier ist der koreanisch-asiatische Gedanke oder diese Philosophie versteckt, dass es in allem ein Plus und ein Minus gibt. Das Leben geht mal bergauf, mal bergab, es ist ganz normal, gute und schlechte Zeiten zu haben. Das alles gehört zusammen im Leben, davon handelt das Stück. Cori Olan gestaltet auch hier die Visualisierungen. Er versteht die Musik wahnsinnig gut, ich bin schon sehr gespannt.

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